Der 26. Artikel

Christian Beyer verliest vor Kaiser Karl V. die „Confessio Augustana“

Confessio Augustana
Das Augsburgische Bekenntnis (1530)


Lateinischer Text: Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche
(1930), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 50-137
Deutscher Text nach BSLK


Vom Unterschied der Speise


Vor Zeiten hat man so gelehrt, gepredigt und geschrieben, daß der Unterschied der Speisen und dergleichen Tradition, von Menschen eingesetzt, dazu diene, daß man dadurch Gnade verdiene und für die Sünde genugtue. Aus diesem Grund hat man täglich neue Fasten, neue Zermonien, neue Orden und dergleichen erdacht und auf solches heftig und hart getrieben, als seien solche Dinge nötige Gottesdienste, dadurch man Gnade verdiene, so man es halte, und große Sünde geschehe, so man es nicht halte. Daraus sind viele schädliche Irrtümer in der Kirche gefolgt.

Erstlich ist dadurch die Gnade Christi und die Lehre vom Glauben verdunkelt, welche uns das Evangelium mit großem Ernst vorhält, und treibt hart dahin, daß man das Verdienst Christi hoch und teuer achte und wisse, daß Glauben an Christus hoch und weit über alle Werke zu setzen sei. Deshalb hat Sankt Paulus heftig gegen das Gesetz des Mose und menschliche Traditionen gefochten, daß wir lernen sollen, daß wir vor Gott nicht fromm werden aus unseren Werken, sondern allein durch den Glauben an Christus, daß wir um Christi willen Gnade erlangen. Solche Lehre ist schier ganz verloschen, dadurch, daß man gelehrt hat, Gnade zu verdienen mit gesetzten Fasten, Unterschied der Speise, Kleidern etc.

Zum anderen haben auch solche Traditionen Gottes Gebot verdunkelt, denn man setzt diese Traditionen weit über Gottes Gebot. Dies hielt man allein für christliches Leben: Wer die Feier so hielte, so betete, so fastete, so gekleidet wäre, das nannte man geistliches, christliches Leben. Daneben hielt man andere nötige gute Werke für ein weltliches, ungeistliches Wesen, nämlich diese, die jeder nach seinem Beruf zu tun schuldig ist, nämlich daß der Hausvater arbeite, um Weib und Kind zu ernähren und zu Gottesfurcht aufzuziehen, die Hausmutter Kinder gebäre und sie pflege, ein Fürst und Obrigkeit Land und Leute regiere etc. Solche Werke, von Gott geboten, mußten ein weltliches und unvollkommenes Wesen sein; aber die Traditionen mußten den prächtigen Namen haben, daß sie allein heilige, vollkommene Werke hießen. Deshalb war kein Maß noch Ziel, solche Traditionen zu machen.

Zum dritten, solche Traditionen sind zu großer Beschwerung der Gewissen geraten. Denn es war nicht möglich, alle Traditionen zu halten; und doch waren die Leute der Meinung, als wäre solches ein nötiger Gottesdienst. Gerson schreibt, daß viele hiermit in Verzweiflung gefallen seien, etlich haben sich auch selbst umgebracht, weil sie keinen Trost von der Gnade Christi gehört haben. Dann sieht man bei den Summisten und Theologen, welche sich unterstanden haben, die Traditionen zusammenzuziehen und die freie Erfüllung zu suchen, daß sie den Gewissen hülfen, wie sie den Gewissen Fallstricke hingeworfen haben. Sie haben so viel damit zu tun gehabt, daß alle heilsame christliche Lehre von nötigen Sachen, als vom Glauben, vom Trost in hohen Anfechtungen und dergleichen darnieder gelegen ist. Darüber haben auch viele fromme, gelehrte Leute vor dieser Zeit sehr geklagt, daß solche Traditionen viel Zank in der Kirche anrichten, und daß fromme Leute damit verhindert und zur rechten Erkenntnis Christi nicht kommen mochten. Gerson und etliche mehr haben heftig darüber geklagt. Ja, es hat auch Augustin mißfallen, daß man die Gewissen mit so vielen Traditionen beschwert. Deshalb gibt er dabei Unterricht, daß man es nicht für ein nötig Ding halten soll.

Darum haben die Unsern nicht aus Frevel oder Verachtung geistlicher Gewalt von diesen Sachen gelehrt, sondern es hat die hohe Not gefordert, von den obangezeigten Irrtümern zu unterrichten, welche aus dem Mißverstand der Tradition erwachsen sind. Denn das Evangelium erzwingt, daß man die Lehre vom Glauben in der Kirche treiben soll und muß, welche doch nicht verstanden werden mag, wenn man vermeint, durch eigene gewählte Werke Gnade zu verdienen.
Und davon ist also gelehret, daß man durch das Halten erdachter menschlicher Traditionen nicht Gnade verdienen oder Gott versöhnen oder fur die Sünde genugtun kann. Deshalb soll kein notwendiger Gottesdienst daraus gemacht werden. Dazu werden Zeugnisse aus der Schrift angeführt. Christus entschuldigt in Matth. 15 die Apostel, da sie gewöhnliche Traditionen nicht gehalten haben, und spricht dabei: „Sie ehren mich vergeblich mit Menschengeboten.“ So er nun dies einen vergeblichen Dienst nennt, muß er nicht nötig sein. Und bald hernach: „Was zum Munde eingehet, verunreinigt den Menschen nicht.“ Ebenso spricht Paulus in Röm. 14: „Das Himmelreich steht nicht in Speise oder Trank.“ Kol. 2: „Niemand soll euch richten in Speise, Trank, Sabbat etc.“ Apg. 15 spricht Petrus: „Warum versucht ihr Gott mit Auflegung des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben tragen mögen? Sondern wir glauben durch die Gnade unsers Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie.“ Da verbietet Petrus, daß man die Gewissen beschweren soll mit mehr äußerlichen Zeremonien, es sei von Moses oder anderen. Und 1. Timoth. 4 werden solche Verbote, wie Speise verbieten, Ehe verbieten etc. Teufelslehre genannt. Denn dies ist stracks dem Evangelium entgegen, solche Werke einzusetzen oder zu tun, daß man damit Vergebung der Sünde verdiene, oder als möge niemand Christ sein ohne solchen Dienst.
Daß man aber den Unsern die Schuld gibt, sie verböten Kasteiung und Zucht, wie Jovinianus, wird sich ganz anders aus deren Schriften entnehmen lassen.

Denn sie haben allzeit gelehret vom heiligen Kreuz, daß Christen zu leiden schuldig sind, und dieses ist rechte, ernstliche und nicht erdichte Kasteiung.
Daneben wird auch gelehret, daß ein jeglicher schuldig ist, sich mit leiblicher Übung, wie Fasten und anderer Arbeit, so zu halten, daß er nicht Ursache zu Sündigen gebe, nicht, daß er mit solchen Werken Gnade verdiene. Diese leibliche Übung soll nicht allein etliche bestimmte Tage, sondern stets getrieben werden. Davon redet Christus in Luk. 21: „Hütet euch, daß euer Herzen nicht beschwert werden mit Völlerei.“ Ebenso: „Die Teufel werden nicht ausgeworfen dann durch Fasten und Gebet.“ Und Paulus spricht, er kasteie seinen Leib und bringe ihn zu Gehorsam; damit zeigt er an, daß Kasteiung dienen soll, nicht damit gnad zu verdienen, sonder den Leib geschickt zu halten, daß er nicht verhindere, was einem iglichen nach seinem Beruf zu schaffen befohlen ist. Und wird also nicht das Fasten verworfen, sondern daß man ein notigen Dienst daraus auf bestimmte Tage und Speisen, zu Verwirrung der Gewissen, gemacht hat. Auch werden dieses Teils viele Zeremonien und Traditionen gehalten, als Ordnung der Messe und andere Gesänge, Feste etc., welche dazu dienen, daß in der Kirche Ordnung gehalten werde. Daneben aber wird das Volk unterrichtet, daß solcher äußerlicher Gottesdienst nicht fromm mache vor Gott, und daß man ohne Beschwerung des Gewissens halten soll, so daß, wenn man es läßt ohne Ärgernis, nicht daran gesündigt wird. Diese Freiheit in äußerlichen Zeremonien haben auch die alten Väter gehalten. Denn im Orient hat man das Osterfest zu einer anderen Zeit als in Rom gehalten. Und da etliche diese Ungleichheit für eine Trennung in der Kirche halten wollten, sind sie von anderen vermahnt worden, daß es nicht not sei, in solchen Gewohnheiten Gleichheit zu halten. Und Irenaeus spricht: „Ungleichheit im Fasten trennet nicht die Einigkeit des Glaubens“, wie auch Dist. 12. von solcher Ungleichheit in menschlichen Ordnungen geschrieben ist, daß sie der Einigkeit der Christenheit nicht zuwider sei. Und Tripartita Hist. lib. 9, zieht viele ungleiche Kirchengewohnheiten zusammen und setzt einen nützlichen christlichen Spruch: „Der Apostel Meinung ist nicht gewesen, Feiertage einzusetzen, sondern Glaube und Liebe zu lehren.“



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