Müssen Christen immer und allen helfen?
Immer wieder hört man den Satz: „Christen müssen immer und allen helfen.“ Er wird meist als moralische Selbstverständlichkeit präsentiert – und oft als Maßstab, an dem christlicher Glaube öffentlich beurteilt wird. Doch diese Formel ist so schlicht, dass sie dem Neuen Testament (NT) nicht gerecht wird. Die biblische Ethik ist anspruchsvoller, spannungsreicher – und realistischer.
Die klare Grundrichtung des NT
Zunächst ist festzuhalten: Das NT kennt eine eindeutige Grundorientierung zur Liebe und Barmherzigkeit. Jesus fasst das Gesetz in der Nächstenliebe zusammen. Hilfe für Bedürftige, Teilen, Gastfreundschaft und tätiges Erbarmen gehören zum Selbstverständnis der frühen Christen. Die Urgemeinde unterstützt Arme, Witwen und Fremde. Jakobus macht deutlich, dass ein Glaube ohne Werke der Liebe tot ist.
Diese Texte lassen keinen Zweifel: Christlicher Glaube ist nicht privat, sondern praktisch. Wer sich bewusst der Not anderer verschließt, widerspricht dem Geist des Evangeliums.
Aber: Das NT kennt keine schrankenlose Hilfspflicht
Gleichzeitig findet sich im NT keine absolute Forderung, jederzeit, unterschiedslos und ohne Unterscheidung jeder Bitte nachzukommen.
- Prioritäten sind ausdrücklich erlaubt.
Paulus fordert dazu auf, Gutes an allen zu tun, betont aber zugleich eine besondere Verantwortung innerhalb der christlichen Gemeinschaft. Das ist kein Ausschluss anderer, sondern die Anerkennung begrenzter Kräfte. - Verantwortung und Ordnung gehören zur Ethik.
In den Pastoralbriefen wird klar gesagt, dass jemand, der sich bewusst der Arbeit entzieht, nicht einfach alimentiert werden soll. Hilfe darf nicht zur Förderung von Verantwortungslosigkeit werden. - Auch Jesus setzt Grenzen.
Jesus heilt viele – aber nicht alle. Er entzieht sich Erwartungen, zieht weiter, lehnt Vereinnahmung ab. Barmherzigkeit bedeutet bei ihm nicht totale Verfügbarkeit. - Hilfe ist geregelt, nicht chaotisch.
Selbst die Versorgung Bedürftiger in der Gemeinde unterliegt Kriterien. Das NT verbindet Mitgefühl mit Weisheit.
Luther: Hilfe aus Berufung, nicht aus moralischem Zwang
Hier passt der Blick auf Martin Luther. Luther betont, dass gute Werke nicht Voraussetzung, sondern Frucht des Glaubens sind. Hilfe geschieht nicht, um Gott zu gefallen oder moralische Überlegenheit zu demonstrieren, sondern aus der Freiheit des Christenmenschen.
Zugleich denkt Luther stark in Berufung und Verantwortung. Der Christ hilft nicht abstrakt „der Menschheit“, sondern konkret im Rahmen seiner Aufgaben: Familie, Amt, Gemeinde, Nachbarschaft. Eine Hilfe, die diese Ordnungen zerstört oder den Helfenden selbst handlungsunfähig macht, ist für Luther keine christliche Tugend, sondern ein Missverständnis.
In seinen Auslegungen und Predigten warnt Luther ausdrücklich vor einer Frömmigkeit, die sich von Maß, Ordnung und Nüchternheit löst und in moralischen Aktionismus kippt. Barmherzigkeit ohne Urteilskraft wird dann selbst unmenschlich.
Ein angemessener biblischer Befund
Das NT fordert Christen auf, bereitwillig, großzügig und konkret zu helfen – ja.
Aber es fordert ebenso:
- Unterscheidung zwischen echter Not und destruktivem Verhalten
- Verantwortung für die eigenen Pflichten
- Weisheit im Umgang mit begrenzten Kräften
- Hilfe, die dem Nächsten wirklich dient und nicht schadet
Der Satz „Christen müssen immer und allen helfen“ klingt fromm, ist aber biblisch ungenau. Treffender wäre:
Christen sind zur tätigen Liebe gerufen – nicht zu grenzenloser Selbstaufgabe, sondern zu verantwortlicher, kluger und dienender Hilfe.
Gerade diese Spannung macht die Ethik des NT ernsthaft, tragfähig und lebensnah.
