Die Aussaat des Samens von James Tissot

Ist die Bibel widersprüchlich? #1

In Diskussionen über die Bibel stoßen wir oft auf die Frage nach vermeintlichen Widersprüchen. Ein klassisches Beispiel ist die unterschiedliche Darstellung der letzten Worte Jesu am Kreuz in den vier Evangelien. Ein weiteres interessantes Beispiel sind die unterschiedlichen Erklärungen, die Jesus für seine Verwendung von Gleichnissen gibt, wie sie in den Evangelien nach Markus und Matthäus zu finden sind.

Unterschiedliche Darstellungen der Gleichnisse

In Markus 4,10-12 und Matthäus 13,10-17 erklärt Jesus, warum er in Gleichnissen spricht. Diese Texte bieten eine wunderbare Gelegenheit, die tiefgreifende und vielschichtige Natur der biblischen Erzählungen zu erkunden.

Markus 4,10-12 sagt:
„Und da er allein war, fragten ihn um dies Gleichnis, die um ihn waren, mitsamt den Zwölfen. Und er sprach zu ihnen: Euch ist’s gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfährt es alles nur durch Gleichnisse, auf dass sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören, und doch nicht verstehen, auf dass sie sich nicht dermaleinst bekehren und ihre Sünden ihnen vergeben werden.“

Matthäus 13,10-17 ergänzt:
„Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen durch Gleichnisse? Er antwortete und sprach: Euch ist es gegeben, dass ihr das Geheimnis des Himmelreichs versteht; diesen aber ist es nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen durch Gleichnisse. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht. Und über ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt: ‚Mit den Ohren werdet ihr hören, und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen, und werdet es nicht verstehen. Denn dieses Volkes Herz ist verstockt…‘ Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören.“

Lutherische Perspektive – Ergänzende Perspektiven, keine Widersprüche

Aus lutherischer Sicht sind die Unterschiede in den Erzählungen nicht als Widersprüche zu verstehen, sondern als ergänzende Perspektiven, die unterschiedliche Aspekte der Lehre Jesu beleuchten. Markus betont die Exklusivität des Verständnisses für die Jünger und die Verstockung derer, die außerhalb stehen, während Matthäus auf die Verantwortlichkeit des Einzelnen hinweist, das Wort Gottes zu hören und zu verstehen.

Historisch-kritische Methode

Durch die historisch-kritische Methode erkennen wir, dass Markus und Matthäus ihre Texte an unterschiedliche Zielgruppen und mit unterschiedlichen theologischen Intentionen richteten. Markus spricht vielleicht ein allgemeineres, heidenchristliches Publikum an, das mit der jüdischen Prophezeiungstradition weniger vertraut ist, während Matthäus eine tiefergehende Verbindung mit dem alttestamentlichen Propheten Jesaja herstellt, um seine vorwiegend jüdisch-christliche Zuhörerschaft anzusprechen. Dies unterstreicht die Vielschichtigkeit der biblischen Texte und die Notwendigkeit, sie im Licht ihres historischen und kulturellen Kontexts zu interpretieren.

Fazit

Die Evangelien bieten uns unterschiedliche Perspektiven, die sich ergänzen und ein vollständiges Bild von Jesu Lehren und seiner Mission geben. Die Bibel ist kein Buch einfacher Antworten, sondern eine komplexe, tiefgründige Sammlung göttlicher Offenbarungen. Als lutherische Christen sind wir dazu aufgerufen, diese Einladung anzunehmen, indem wir die Schrift mit einem offenen Herzen und einem wachen Geist studieren.


Ich hoffe, dieser Beitrag inspiriert zu einer tieferen Beschäftigung mit den Schriften und stärkt unser Verständnis von Gottes unermesslicher Weisheit.



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