Reformationsaltar zu Wittenberg

Der Kleine Katechismus

Einführung

Der hier wiedergegebene Text ist entnommen und entspricht:

D. Martin Luthers Werke
Kritische Gesamtausgabe

30. Band
Erste Abteilung
Weimar
Hermann Böhlaus Nachfolger
1910
Text: Der Kleine Katechismus 1531 S. 346


ENCHIRIDON

Der kleine Catechismus

fur die gemeine Pfarher und Prediger,

Mart. Lu.

Gedruckt zu Wittenberg durch Nickel Schirlentz.

MDXXXI.

MArtinus Luther allen trewen frumen pfarhern und Predigern. Gnad, barmhertzigkeit und frid in Jhesu Christo unserm Herrn.
Diesen Catechismon odder Christliche lere inn solche kleine schlechte einfeltige form zu stellen, hat mich gezwungen und gedrungen die klegliche elende not, so ich newlich erfaren habe, da ich auch ein Visitator war. Hilff lieber Gott, wie manchen iamer habe ich gesehen, das der gemeine man doch so gar nichts weis von der Christlichen lere, sonderlich auf den dörffern, und leider viel Pfarherr fast untüchtig und ungeschickt sind zu leren, Und sollen doch alle Christen heissen, getaufft sein und der heiligen Sacrament geniessen, können widder Vater unser noch den Glauben odder Zehen gebot, leben dahin wie das liebe vihe und unvernünfftige sewe, Und nu das Euangelion komen ist, dennoch fein gelernt haben, aller freiheit meisterlich zu missebrauchen. O ihr Bischoffe, was wolt ihr doch Christo imer mehr antworten, das ihr das volck so schendlich habt lassen gehn und und ewer ampt nicht ein augenblick ihe beweiset. Das euch alles unglück fliehe, Verbietet einerleh gestalt und treibt auff ewer menschen gesetze, fragt aber die weil nichts darnach, ob sie das Vater unser, Glauben, Zehen gebot odder einiges Gottes wort künden, Ach und wehe uber ewern hals ewiglich.

Darumb bitte ich umb Gottes willen euch alle meine lieben herrn und brüder, so Pfarher odder Prediger sind, wollet euch ewers ampts von hertzen annemen, euch erbarmen uber ewer volck, das euch befolhen ist, und uns helffen den Catechismon inn die Leute, sonderlich in das iunge volck bringen, Und welche es nicht besser vermügen, diese tafeln und forme für sich nemen und dem volck von wort zu wort für bilden, Und nemlich Also.

Auffs erst, das der Prediger für allen dingen sich hüte und meide mancherleh odder anderleh text und form der Zehen gebot, Vater unser, Glauben, der Sacrament etc. Sondern neme einerleh form für sich, dar auff er bleibe und die selbige imer treibe ein iar wie das ander, Denn das iunge und alber volck mus mit einerleh gewiessen text und formen leren, Sonst werden sie gar leicht irre, wenn man heut sonst und uber iar so leret, als wolt mans bessern, Und wird damit alle mühe und erbeit verloren.

Das haben die lieben Veter auch wohl gesehen, die das Vater unser, Glauben, Zehen gebot alle auff eine weise haben gebraucht, Darumb sollen wir auch bei den iungen und einfeltigen volck solche stück also leren, das wir nicht eine sylben verrücken odder ein iar anders denn das ander fürhalten odder für sprechen, Darumb erwele dir welche form du wilt und bleib da bey ewiglich. Wenn du aber bey den gelerten und verstendigen predigst, da magstu du deine kunst beweisen und diese stücke so bund kraus machen und so meisterlich drehen als du kannst. Aber bey dem iungen volck bleib auff einer gewiessen ewige forme und weise Und lere sie für das aller erst dieses stück, nemlich die Zehen gebot, Glauben, Vater unser etc nach dem text hin von wort zu wort, das sie es auch so noch sagen können und auswendig lernen.

Welche es aber nicht lernen wollen, das man den selbigen sage, wie sie Christum verleugnen und keine Christen sind, Sollen auch nicht zum Sacrament gelassen werden, kein kind aus der Tauffe heben, Auch kein stück der Christlichen freiheit brauchen, sondern schlechts dem Papst und seinen Officialen, dazu dem Teuffel selbs heim geweiset sein. Dazu sollen ihn die Eltern und Hausherrn essen und trincken versagen Und ihn anzeigen, das solche rohe Leute der Fürst aus dem lande iagen wolle etc.

Denn wie wol man niemand zwingen kan noch sol zum Glauben, So sol man doch den hauffen dahin halten und treiben, das sie wissen, was recht und unrecht ist bey denen, bey welchen sie wonen, sich neeren und leben wollen, Denn wer inn einer stad wonen wil, der sol das stadrecht wissen und halten, des er geniessen wil, Gott gebe er gleube, odder sey im hertzen für sich ein schalck odder bube.

Zum Andern, Wenn sie den text nu wol können, So lere sie denn hernach auch den verstand, das sie wissen was es gesagt. Und nim abermal für dich dieser tafeln weise odder sonst eine kurtze einige weise, welche du wilt und bleib dabey und verrücke sie mit keiner syllaben nicht, gleich wie vom text itzt gesagt ist, Und nim dir der weile dazu, Denn es ist nicht not, das du alle stück auff ein mal fürnemest, Sondern eins nach dem andern, Wenn sie das erste gebot zuvor wol verstehen, dar nach nim das ander für dich Und so furt an. Sonst werden sie uberschüttet, das sie keins wol behalten.

Zum Dritten, Wenn du sie nu solchen kurtzen Catechismum geleret hast, Als denn nim den grossen Catechismum für dich und gib ihn auch weitern und reichen verstand, Da selbst streich ein iglich gebot, bitte, stück aus mit feinen mancherley wercken, nutz, frumen, fahr und schaden, wie du das alles reichlich findest inn so viel Büchlein davon gemacht. Und inn sonderheit treibe das gebot und stück am meisten, das bey deinem volck am meisten not leidet, Als das siebend gebot vom stelen mustu bey handwercken, hendlern, Ja auch bey bauern und gesinde hefftig treiben, Denn bey solchen leuten ist allerley untrew und dieberey gros. Item, das vierde gebot mustu bey den kindern und gemeinem man, das sie stille, trew, gehorsam, fridsam sein, und imer viel exempel aus der schrift, da gott solche leute gestrafft und gesegenet hat, einfüren.

Inn sonderheit treibe auch da selbest die Oberkeit und Eltern, das sie wol regieren und kinder zihen zur Schule, Mit anzeigen, wie sie solchs zu thun schüldig sind, Und wo sie es nicht thun, welche ein verflucht sunde sie thun, Denn sie stürtzen und verwüsten damit beide Gottes und der welt reich als die ergesten feinde beide Gottes und der menschen, Und streiche wol aus, was fur grewlich schaden sie thun, wo sie nicht helffen kinder zihen zu Pfarher, Prediger, Schreiber etc. Das Gott sie schrecklich drumb straffen wird, Denn es ist hie not zu predigen, Die Eltern und Oberkeit sundigen itzt hierin, das nicht zu sagen ist, Der Teuffel hat auch ein grausames damit im synne.

Zu letzt, weil nu die tyrannen des Bapsts ab ist, so wollen sie nicht mehr zum Sacrament gehen und verachtens. Hie ist aber not zu treiben, doch mit diesem bescheid, Wir sollen niemand zum glauben odder zum Sacrament zwingen, Auch kein gesetz noch zeit noch stet stimmen, Aber also predigen, das sie sich selbes on unser gesetz dringen und gleich uns Pfarhern zwingen, das Sacrament zu reichen, Welchs thut man also, das man ihn sagt, Wer das Sacrament nicht sucht noch begerd, zum wenigesten ein mal odder vier des iars, da ist zu besorgen, das er das Sacrament verachte und kein Christen sey, gleich wie der kein Christ ist, der das Euangelion nicht gleubet odder höret, Denn Christus sprach nicht, Solchs lasset oder solchs verachtet, Sondern ‚Solchs thut so offt ihr trinckt‘ etc. Er wils warlich gethan und nicht aller dinge gelassen und veracht haben, ‚Solchs THUT‘ spricht er.

Wer aber das Sacrament nicht gros acht, das ist ein zeichen, das er keine sunde, kein fleisch, keinen teuffel, keine welt, keinen tod, keine fahr, keine helle hat, das ist, er gleubt der keines, ob er wol bis uber die oren drinn steckt, und ist zweifeltig des teuffels. Widder umb so darff er auch keiner gnade, leben, paradis, himelreich, Christus, Gottes noch einiges gutes, Denn wo er gleubet, das er so viel böses hette und so viel gutes bedürffte, so würde er das Sacrament nicht so lassen, darinn solchem ubel geholffen und so viel guts gegeben wird. Man dürfft ihn auch mit keinem gesetz zum Sacrament zwingen, sondern er würd selbst gelauffen und geronnen komen, sich selbs zwingen und dich treiben, das du ihm müsstest das Sacrament geben.

Darumb darffestu hie kein gesetz stellen, wie der Papst, Streiche nur wol aus den nutz und schaden, not und frumen, fahr und heil inn diesem Sacrament, so werden sie selbs wol komen on dein zwingen, komen sie aber nicht, so las sie faren Und sage in, das sie des Teuffels sind, die ihre grosse not und Gottes gnedige hülffe nicht achten noch fülen. Wenn du aber solches nicht treibest odder machest ein gesetz und gifft draus, so ist es deine schuld, das sie das Sacrament verachten. Wie solten sie nicht faul sein, wenn du schleffest und schweigest? Darumb sihe dar auff Pfarher und Prediger, Unser ampt ist nu ein ander ding woren, denn es unter dem Papst war, Es ist nu ernst und heilsam worden, darumb hats nu viel mühe und erbeit, fahr und anfechtung, da zu wenig lohn und danck inn der welt. Christus aber wil unser lohn selbs sein, so wir trewlich erbeiten. Das helffe uns der Vater aller gnaden, Dem sey lob und danck in ewigkeit, durch Christum unsern Herrn, Amen.

Beitragsbild: Reformationsaltar zu Wittenberg



Beitrag veröffentlicht

in

,

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert